Brief an Cem Özdemir vom 12.07.2018 – @cem_oezdemir

Brief an Cem Özdemir vom 12.07.2018

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Als Teenager trat Özdemir 1981 bei den Grünen ein. Quelle: picture-alliance / dpa/dpa/Tim Brakemeier

Sehr geehrter Herr Özdemir,

mittlerweile sind über 20 Jahre vergangen, seitdem wir uns persönlich nicht mehr gesehen und inhaltlich zu politischen Themen ausgetauscht haben. Ich habe Sie in den 90er Jahren als einen integren, charismatischen und engagierten Schwaben mit türkischen Wurzeln bei der Vollversammlung des Landesausländerbeirates Hessen (AGAH) kennen- und schätzengelernt.

Zu dieser Zeit übten Sie für viele angehende Politiker und Journalisten mit Migrationshintergrund eine wichtige Vorbildfunktion aus, was sich auch in den Herzen von Millionen von Türkischstämmigen in Deutschland niederschlug. Sie waren das beliebte Aushängeschild und zugleich ihr Anwalt, der ihre Interessen wahrnahm. Diese Menschen waren Ihr Kapital und gleichzeitig die geistig moralische Instanz, die Ihr Kompass für Ihre charakteristischen Werte war.

Ihr politischer Erfolg basiert u.a. auf der Grundlage, dass Sie sich in der türkischen Community auf eine große Anzahl an Sympathisanten und Supportern stützen konnten. Diverse Türkei-Affinen NGOs wie die Ditib standen immer uneingeschränkt an Ihrer Seite und halfen Ihnen auf der politischen Leiter, für Ihre und für die gemeinsamen Ziele, voranzukommen.

Oben auf der Karriereleiter als Vorsitzender der Grünen angekommen, haben Sie einen beispiellosen Paradigmenwechsel in der politischen Marschrichtung gegenüber der türkischen Regierung und den in Deutschland friedlich lebenden Türkischstämmigen vorgenommen. Ausgehend von einem Anwalt der türkischen Community haben Sie abrupt die Seiten gewechselt und sind jetzt Kläger und Richter in Personalunion. Dabei haben Sie bei der Beurteilung der Türkeispezifischen -Themen jegliches Bewusstsein zur Migrationsgeschichte und zur objektiver Betrachtungsweise verloren.

Woher dieser Sinneswandel kam, wird Ihr Geheimnis bleiben. Es gibt in der türkischen Community darüber einige Mutmaßungen und Spekulationen, an denen ich mich nicht beteiligen möchte. Fakt ist, dass Sie mittlerweile ein exzellenter Meister darin sind, die gelebte Realität zu pervertieren und bei der Stimmungsmache gegen unbescholtene türkischstämmige Bürger an vorderster Front zu stehen. Dass Sie dabei, aufgrund Ihrer biologischen Herkunft, von der deutschen Medienlandschaft instrumentalisiert werden, nehmen Sie wohlwollend in Kauf.

Sowohl die Ditib als auch die anderen Türkei – Affinen Vereine und Verbände, die als Träger kultureller, religiöser und politischer Institution fungieren, sind mittlerweile sinnstiftende und wichtige Bestandteile unserer multikulturellen Gesellschaft, die sich mit ihrem Einsatz für Frieden, Dialog und demokratische Werte sowohl in Deutschland als auch in der Türkei seit Jahrzenten auszeichnen.

Es ist u.a. das große Verdienst der Ditib, daß sich die Lehre des Islams in Deutschland auf dem Boden des deutschen Grundgesetztes entwickelt und keinen Nährboden für eine Radikalisierung zulässt. Anstatt sich in Dankbarkeit zu üben, vergiften Sie die politische und gesellschaftliche Atmosphäre mit Ihren bewusst einkalkulierten Statements, die sich jeglicher Grundlage entbehren. Weder hat die Ditib als Verein zum Denunziantentum aufgerufen, noch tritt sie auf Kriegstreiber auf, wie Sie es gerne fälschlicherweise darstellen.

Die Ditib als einen verlängerten Arm vom türkischen Staatspräsidenten zu bezeichnen, zeigt aber Ihre wahre Absicht. Es geht Ihnen nicht vordergründig um die Ditib. Vielmehr dämonisieren Sie alle Vereine, Organisationen und Personen, die sich in einem demokratischen Umfeld in Deutschland auch für eine demokratische Grundordnung in der Türkei einsetzen. Dabei bedienen Sie sich regelmäßig von Unwahrheiten und falschen Mutmaßungen, die zu einer Spaltung der hiesigen Gesellschaft führt. Die Menschenrechte und Meinungsfreiheit der Friedensbefürworter fallen Ihrer bewussten Agitation in Deutschland fatalerweise zum Opfer.

Aber Personen, Vereine und Organisationen, die den Terrorismus in der Türkei mit über 40.000 Toten zu verantworten haben, den Putsch und die Instabilität der Türkei im Auge haben, werden von Ihnen öffentlichkeitswirksam hofiert und damit unterstützt. Sie predigen Frieden und gehen trotzdem Hand in Hand mit Personen, die nachweislich Kinder entführen, Kinder für Kriegshandlungen zwangsrekrutieren und spielende Kinder kaltblütig töten. Wie das mit Ihrem Gewissen vereinbar ist, entschließt sich meiner Logik.

Neben der Ditib haben Sie mittlerweile auch die UETD als veritables Feindbild auserkoren, die Sie mit Fake News a la Trump versuchen öffentlich zu diskreditieren. Ihr Tweet vom 13.03.2018 mit der Überschrift: Razzien bei Osmanen Germania & UETD, kann man getrost ins Reich der Fantasie verweisen. Es gab weder eine Anschuldigung gegen die UEDT, noch wurden von Seiten der Strafbehörden eine Razzia gegen die UETD vollzogen. Fazit: Es offenbart Ihre gesellschaftspolitische Strategie mit psychologischer Einflussnahme auf die Mehrheitsgesellschaft, die uns aus der jüngsten dunklen Geschichte des letzten Jahrhunderts in Deutschland hinlänglich bekannt ist.

Ferner haben Sie nach dem Putschversuch in der Türkei, friedlich in Köln demonstrierende Bürger, die sich zusammengefunden haben, um ein Zeichen für Frieden, Demokratie und gegen islamischen Fundamentalismus (FETÖ) zu setzen, pauschal als „Türkische Pediga“ diffamiert. Des Weiteren haben Sie die nach der Präsidentschaftswahl in der Türkei am vorletzten Sonntag friedlich feiernden Anhänger der AKP als Demokratie Feinde und türkische AFD tituliert, was nicht der Realität entspricht und was als eine subtile Form der Volksaufwiegelung interpretiert werden kann.

Anscheinend befürworten Sie demokratische Rechte nur für Personen, die politisch weitgehend ihrem Weltbild entsprechen. Andersdenkende werden mit böswilligen Agitationen, Verleumdungen und originellen Fake News mutwillig an den Pranger gestellt. Der Pluralismus ist eigentlich ein Markenzeichen der Demokratie, was aber Ihrer Engstirnigkeit in Bezug auf die Türkei diametral entgegensteht. Ihre persönlichen Animositäten mit dem türkischen Präsidenten Erdogan sollten sich nicht auf die türkische Community in Europa auswirken.

Selbst in der Causa Özil haben Sie es sich nicht nehmen lassen eine bildliche Aufnahme von Mesut Özil mit dem demokratisch gewählten Präsidenten der Türkei Recep Tayyip Erdogan für ein frühes Scheitern der deutschen Nationalmannschaft bei der WM verantwortlich zu machen und griffen dabei noch auf den menschenverachtenden AFD-Jargon zurück. Zur Erinnerung, unzählige Spieler der englischen und französischen Nationalmannschaft haben sich in der Vergangenheit mit den wahrhaften Despoten und Diktatoren ihrer Herkunftsländer in Afrika ablichten lassen, was aber in der dortigen Medien Landschaft berechtigterweise nur als Randnotiz Erwähnung fand und nicht so medial aufgeputscht wurde wie in Deutschland.

In Deutschland werden erst verdiente Fußballspieler medial zum Abschuss freigegeben und dann erwartet man von diesen Spielern mit Migrationshintergrund noch eine gute Leistung. Die mentale Stimmungslage von Özil, Gündogan und Co. haben sich auch auf dem Platz erwartungsgemäß negativ ausgewirkt. Leider haben Sie wahrlich zum Scheitern der deutschen Nationalmannschaft mutwillig Ihren Beitrag geleistet.

Und auch bei anderen Themen hängt Ihre Glaubwürdigkeit meist am seidenen Faden.

Die Diskrepanz zwischen Ihren Aussagen und ihrem Handeln ist dabei unübersehbar:

– Sie predigen Frieden und sympathisieren offen mit
Terrororganisationen.
– Sie fordern eine demokratische Grundordnung und
verharmlosen demokratiefeindliche Putschisten.
– Sie sagen Ja zu Kinderrechten und tolerieren, dass
spielende Kinder entführt und zu Kriegshandlungen
zwangsrekrutiert werden.
– Sie schreiben Bildung groß und schweigen zu den
kaltblütigen Morden an unschuldigen Lehrern und
Lehrerinnen in der Türkei.
– Sie stehen für die körperliche Unversehrtheit von
Menschen und ignorieren gerne die barbarischen
Bombenattentate der Terrororganisationen in der Türkei.
– Sie setzen sich für die Pressefreiheit ein und hüllen sich
in der Causa Daniel Harrich in Schweigen.
– Sie fordern Rechts- und Gesetzestreue und posieren
gerne mit Can Dündar, der jetzt zugab, mit Fake News
Gesetze gebrochen und Stimmung gegen den türkischen
Präsidenten gemacht zu haben.
– Sie unterstützen das Wahlkampfverbot für türkischen
Parteien auf deutschem Boden und machen offensiv
Wahlkampf für die PKK-nahe HDP.
– Sie stehen für Meinungsfreiheit und verurteilen Personen
wie Mesut Özil, die von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch
machen wollen.
– Sie insistieren auf die Einhaltung des sozialen Friedens
und spalten die hiesige Gesellschaft durch
Verleumdungen, Diffamierungen und durch die
Verbreitung von Fake News gegen die türkische
Community.

Diese unvollständige Auswahl verdeutlicht einmal mehr ihre eigentliche Zielsetzung. Es geht ihnen primär nicht um Menschenrechte, Demokratie und Völkerverständigung, sondern ausschließlich um Ihre eigenen persönlichen Interessen.

Diese Auflistung auf die Türkei projiziert, ergibt zusammengefasst folgendes Profil:

Sie können sich mit einem blutigen Putsch in der Türkei gut anfreunden, anschließend würden Sie die gewaltvolle Spaltung der Türkei mit Kindersoldaten durch die PKK begrüßen und könnten dabei trotzdem ohne mit der Wimper zu zucken Frieden, Freiheit und Demokratie predigen.

Falls Sie sich ernsthaft für einen dauerhaften Frieden in der Türkei einsetzen wollen, nutzen Sie Ihre Kontakte zu diversen Organisationen und unterstützen Sie alle Bemühungen diesen barbarischen Guerillakrieg der PKK mit über 40.000 Toten sofort zu beenden und setzen Sie sich bedingungslos für das längerfristige Wohlergehen des türkischen/kurdischen Volkes ein.

Im Prinzip, werden Sie wieder der Cem Özdemir aus den 90er Jahren, den wir damals sehr geschätzt haben.

M. Teyfik Oezcan
Freier Journalist

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