Europäischer Rassismus

Gerüchte über Muslime – Eine Kolumne von Jakob Augstein

Jakob-Augstein-„Der-triebhafte-Araber-ist-eine-Erfindung-des-Westens“
Thilo Sarrazin und die anderen Islamgegner halten Muslime für dumm und nicht integrierbar. Doch dumm sind nur die deutschen Rassisten, findet Jakob Augstein. In London wurde ein Muslim zum Bürgermeister gewählt. Für Thilo Sarrazin und die anderen Islamgegner muss der Erfolg von Sadiq Khan ein Rätsel sein. Sie halten Muslime für dumm und nicht integrierbar. Aber dumm sind nur die deutschen Rassisten.
London hat einen neuen Bürgermeister. Sadiq Khan ist Muslim. Seine Eltern sind aus Pakistan eingewandert. Der Vater war Busfahrer. Die Mutter Näherin. Khan hat sich in der Wahl gegen einen Milliardärssohn durchgesetzt, der Goldsmith heißt. Wenn es nach Thilo Sarrazin und den antiislamischen Rassisten geht, dann ist diese Geschichte unmöglich.
Muslime sind dumm. Ihre Kultur ist rückständig. Sie lassen sich nicht integrieren. Aber dumm sind nur die Rassisten, die solchen Unfug glauben.Den ersten Platz der SPIEGEL-Liste der bestverkauften Sachbücher besetzt zurzeit Thilo Sarrazin. Den zweiten Adolf Hitler. Der große Rechtspublizist direkt vor dem großen Verführer. Es gibt offenbar Kontinuitäten im deutschen Leseverhalten. Mit etwas Spott lässt sich sagen: Da stehen die richtigen nebeneinander. Sarrazin hat ein Buch darüber geschrieben, was die Politiker alles falsch machen. Hitler hat ein Buch darüber geschrieben, wie man in der Politik alles richtig macht. Das hat bekanntlich nicht funktioniert. In Wahrheit steht in beiden Büchern großer Unsinn. Da endet der Spott. Denn Thilo Sarrazin predigt einen neuen Rassismus, und auch weit unterhalb der Schwelle eines Holocausts hat solcher Rassismus katastrophale Folgen.Sarrazin als rassistischer Hobby-GenetikerSarrazins Buch „Wunschdenken“ ist eine Anklage gegen Angela Merkel: „Für den vergänglichen Glanz nahm die Bundeskanzlerin eine ungesteuerte, kulturfremde Einwanderung in Kauf, die langfristig den Wohlstand Deutschlands gefährden und einen Kulturbruch verursachen kann, der die Identität der Nation zerstören kann.“ Kulturfremd. Das ist das eine Stichwort. Das andere lautet „kognitive Kompetenz“, das meint, was einer auf dem Kasten hat. Und das sei, so Sarrazin, bei den Einwanderern sehr wenig. Beide Begriffe zusammen ergeben eine giftige Melange: Muslime sind fremd und minderwertig und bleiben das auch. So einfach denkt Sarrazin. So rassistisch.Wissenschaftlich steht in Sarrazins Buch schon wieder – wie auch beim ersten Rassismus-Knaller „Deutschland schafft sich ab“ – viel Unsinn. Etwa was seine Thesen zur Entwicklung von Intelligenz und Begabung in einer Gesellschaft angeht. Die hängt nämlich weniger vom Erbgut ab, als der Hobby-Genetiker Sarrazin glaubt, sondern viel mehr von der Bildungspolitik. Der Intelligenzquotient lag in den Industriestaaten um 1900 nach heutigen Standards nahe 80 Punkten, also im Bereich der Lernbehinderung. Der Entwicklungsbiologe und Neurogenetiker Karl-Friedrich Fischbach schrieb in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ dazu: „Die Effekte der Bildungsexpansion belegen also eindrucksvoll die Umweltabhängigkeit der messbaren Intelligenz.“Sarrazin jedoch erzieht seine Leser systematisch zum Rassismus. Er trägt dazu bei, „dass der Islam nicht mehr in Deutschland eine Religion ist, sondern eigentlich viel mehr ethnisiert wird, rassifiziert wird. Das heißt, Muslime Deutschlands sind nicht mehr Menschen, die eine bestimmte Religion praktizieren, sondern inzwischen eine Ethnie geworden.“ Die Autorin Kübra Gümüsay hat das so formuliert.Londons Bürgermeister Khan sagt: „Ich bin ein Londoner, ein Europäer, ich bin britisch, ich bin englisch, ich bin islamischen Glaubens, asiatischen Ursprungs, pakistanischer Abstammung, ein Vater, ein Ehemann.“ Aber Sarrazin sieht im Muslim – nur den Muslim. Und der ist dumm geboren und bleibt dumm. Wofür braucht es dann Integrationspolitik? Wozu Bildungsanstrengungen?Muslimfeindlichkeit ist Deutschlands neuer AntisemitismusDieses Denken ist menschenverachtend. Aber weit verbreitet. Die Soziologin Necla Kelek hat lange vor Jan Böhmermanns Ziegenficker-Gedicht im ZDF über Muslime gesagt: „Die Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren, und besonders der Mann nicht. Der ist ständig (…) herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen (…) – und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier…“
Dumm und dauergeil, so ist er, der Muslim. In einer Abwandlung eines Adorno-Worts lässt sich sagen: Die Islamfeindlichkeit ist das Gerücht über den Muslim. Adorno ging es freilich um den Antisemitismus. Aber die Muslimfeindlichkeit hat in Deutschland den Antisemitismus längst als gefährlichsten Rassismus abgelöst. Dieser spaltet die Gesellschaft.Auch der Londoner Wahlkampf zeigte diese Spaltung. Die konservativen Politiker wollten den Muslim Khan aufhalten und waren in der Wahl der Mittel nicht zimperlich: Khan wurde nicht nur in die Nähe von Islamisten gerückt – Gegenkandidat Zac Goldsmith, der aus einer jüdischen Familie stammt, rückte ihn auch in die Nähe von Antisemiten. Es war ein schmutziges Spiel mit den Rassismen, das die Konservativen spielten.Aber der Lebensweg des muslimischen Busfahrersohns Sadiq Khan ist eine Erinnerung an ein Versprechen der westlichen Kultur, um die doch Sarrazin und seine Leser angeblich so besorgt sind. In den Worten Khans: „Jeder, unabhängig von Hintergrund, Vermögen, Rasse, Glauben, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Alter sollte in die Lage versetzt werden, seine Möglichkeiten auszuschöpfen und Erfolg zu haben.“

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